Wenn das Gwand´ nimmer so recht passt, das körperliche Wohlgefühl nichts mehr mit wohlfühlen zu tun hat, dann geht man mitunter auf Diät. Weil es da aber sehr viele Versionen und Möglichkeiten gibt, erkundigt man sich fallweise im Bekannten- und Freundeskreis nach der effizientesten, besten und neuesten Methode.
Jeder hat da so seinenn persönlichen Geheimtipp und aktuell ist 10in2 sehr in. Entwickelt vom Seminarkabarettisten Bernhard Ludwig und sowohl einfach als auch, lt. Auskunft im Umfeld und der begeisterten Meldungen auf der Website, sehr effektiv. Einen Tag nix essen, dafür am nächsten alles, was man will. Das ist der Diätrapport, der solange fortgesetzt wird, bis das Wunschgewicht erreicht ist.
Spannend, effizient und eine Herausforderung, die sich leicht bewerkstelligen lässt. Denn einen Tag nichts essen, viel trinken und dafür am nächsten Tag alles, worauf man Lust hat – das nährt der Belohnungsprinzip: Wenn ich heut brav bin, bekomm ich morgen die Belohnung.
Einen Tag ohne Nahrung sollte man leicht schaffen – aber wie sieht es aus, wenn man diese Diät auf andere Bereich umlegt?
- … einen Tag ohne Social Media?
- … ohne Facebook, Twitter & Co.?
- … vielleicht sogar ganz ohne, also ohne Internet?
- … und in der Hardcore-Version: ohne Computer!
Die Kurzumfrage ergibt:
“Ja locker, ginge sicher …”
“… könnt ich jederzeit, wenn ich wollte …”
“… wär null Problemo, wie im Urlaub, das ist Erholung pur …”
Hm, der Konjunktiv (können statt kann) macht mich neugierig und ich stochere nach, wer es denn schon mal wirklich und bewusst ausprobiert hat.
Und siehe da, fast wie erwartet, schwindet die Anzahl der freiwilligen Internet-Abstinenzler und es bleiben: UrlauberInnen, die in Funklöchern oder auf Grund zu hoher Roamingkosten zum Zwangsentzug gezwungen waren und diejenigen, die ihren PC daheim vergessen hatten oder durch Netzbetreiber-Ausfälle auf Nulldiät gesetzt waren.
Diejenigen, die bei voller Schüssel – pardon: bei vollem Empfang bewusst “Nein, danke – ich internette/facebooke/twittere/maile heute nicht …” sagen, sind nicht mal in der Minderzahl, sondern schlichtweg nicht vorhanden.
Zu verlockend ist die Tastatur, will berührt und benutzt werden. Der Bildschirm flackert verheißungsvoll, das Smartphone schnurrt in der Hand und die All-Time-high-Ausrede: “Ich muss noch schnell die Mails checken, ob die KollegInnen eh klar kommen …” ist rasch griffbereit.
Und darauf soll man verzichten?
Ohne Zwang, Netzausfall, Funkloch, Streitandrohung???
Wozu denn das, was soll das bitte bringen?
Nun, bringen kann es viel, in erster Linie Lebensqualität – wenn man es probiert und die ersten Tage mit Entzugserscheinungen verkraftet.
Zum Beispiel:
- Abstand gewinnen vom hektischen Pinwandstress …
- Durchatmen und in Ruhe, ohne innerem (oder äußerem) Postingzwang, offline-Arbeiten erledigen …
- Konzentriert und ohne Störung/Ablenkung das aufarbeiten, was sich nicht verdient hat nebenbei erledigt zu werden …
- Einen Spaziergang ohne sofortige Bildberichterstattung machen und die Bilder, die man wahrnimmt, bewusst alleine und nur für sich genießen …
- Ein Buch lesen. … offline, also eines aus echtem Papier …
- Einen Kuchen backen und das Ergebnis essen, statt damit virtuell den Facebook-FreundInnen den Mund wässrig zu machen …
- Den Schreibtisch aufräumen, umorganisieren und die Buchhaltung VOR dem Last-Minute-Termin erledigen (ein Supergefühl!) …
- Den Rasen mähen und dabei laut singen – hört keiner und Webcam ist ja auch aus …
- Sich nicht zu Schnellschußantworten via Mail oder Kommentar drängen zu lassen und einen ganzen Tag nachdenken, bevor man antwortet … das reduziert emotionelle Ausrutscher auf kleiner-gleich Null …
- Mal genussvoll und in echt Nichts zu tun …
- Ausschlafen, früher schlafen, länger schlafen, zwischendurch schlafen …
- Den Sternen, dem Mond und der Sonne beim Wandern zuschauen …
- Ein reales, bewusstes Gespräch mit anderen Menschen führen …
- … und noch vieles mehr.
So wie früher, als man noch nicht dauer-online war, zum Telefonieren ein Kabel oder einen Schilling benötigte und die wichtigen Dinge mit Freunden und Familien beim nächsten Live-Kontakt besprach – von Angesicht zu Angesicht.
Man muss ja nicht gleich 10in2 starten, also wie beim Essen einen Tag null Social Media/Internet/PC und dann wieder volle Kanne alles posten, mailen, twittern was geht. Das lässt sich vermutlich beruflich auch nicht so einfach realisieren, außer man nimmt (Offline-)Urlaub.
Aber ein, zwei Tage pro Woche sollten drin sein, für den Anfang. Man kann es sich ja auch leicht machen und einmal übers Wochenende alles abschalten, sein lassen – das sollte möglich sein. Schafft man das, dann könnte man halbe Tage während der Woche probieren und irgendwann mal einen ganzen Tag unter der Woche, vielleicht sogar zusätzlich zum Wochenende.

Wieviele Mails wiegen Sie? Wie hoch sind Ihre Posting-Kalorien? (Bild: istockphoto © Mikkel William Nielsen)
Man muss ja auch nicht gleich alles weglassen, abdrehen – vielleicht zu Beginn einen Tag ohne Facebook, dann beim nächsten Mal die anderen Kanäle auslassen. Langsam einen nach dem anderen bis hin zu den Mails, die an diesem bestimmten Tag nicht abgerufen werden – sondern erst am Tag darauf.
… manchmal passiert es dann, dass sich superhyperdringendeilige Probleme über Nacht von selbst auflösen.
Mitunter kann man die KollegInnen bitten, diesen Tag die Mails/Posts/Kommentare im Auge zu behalten und anbieten, das an einem anderen Tag im Gegenzug für sie zu machen.
Für diejenigen, die sich nun wundern, weil sie das vielleicht ohnehin so handhaben und ihre Mails nur 2-3 Mal die Woche abrufen: Gratuliere, Sie sind eine Ausnahmeerscheinung, die zunehmend weniger wird und JA, es gibt Menschen, mehr als genug, die täglich mehrmals ihr Mails checken, ihren Facebook-Status zigmal am Tag füttern, alle Stunden Tweets rauslassen und auch sonst sehr aktiv im Netz unterwegs sind … neben der “normalen” Arbeit und dem Tagesgeschehen.
Es gibt ja auch Leute, die kein Problem haben ihr Idealgewicht zu halten, “Danke nein” zu einer verlockenden Tafel Schokolade sagen können und dreimal die Woche Sport betreiben. Die brauchen meist keine Diät, damit die Hose wieder zugeht und die Kondition da ist.
Aber daneben gibt es auch die, die zwar nicht übergewichtig sind, aber … nun, sich vielleicht ein bisschen aufgebläht fühlen, blasse Gesichtsfarbe aufweisen und ein wenig kurzatmig sind. Eigentlich fühlen sie sich eh ganz ok … aber nicht so richtig. So, als hätte man in letzter etwas wenig Kontakt zur Erde gehabt, dafür 1-2 Kilo da zuviel, wo man sie grad nicht braucht und als hätte man sich ein wenig zu viel von Junk-Food ernährt … geistig.
Da hilft es, wenn man kurz auf Diät geht – das reduziert das 08/15-Info-Aufblähgefühl und die “BlaBla-Power-Schokoriegel”, die man im Internet schnell mal so zwischendurch zu sich nimmt und die einem den Appetit auf gehaltvolle Nachrichten mit höherem Intelligenzfaktor, verderben.
Nur um es klar zu stellen: diese “Info-Bonbons” zwischendurch sind auch wichtig, versüßen einem den Büroalltag und laden zum Newsnaschen ohne hohem Wissensnährwert ein. Aber ein zuviel tut hier genauso wenig gut, als wenn man eine ganze Packung Marzipankartoffeln auf einen Sitz isst.
Die wenigsten haben dann noch genug Hunger, Lust und Zeit für ein gehaltvolles, gesundes Vollwertmenü – der Magen, oder im Social Media Fall: das Gehirn ist übervoll, schwer gesättigt und der Kreislauf agiert träge.
Ein Tag Stille … ohne Zwang und Drang etwas konsumieren zu müssen … in Ruhe das erledigen, was in Ruhe besonders gut erledigt werden kann … das erhöht die Produktivität, sorgt für kreative Höhenflüge, effizienteres Arbeiten und und pusht die Erfolgsfreude immens.
Und morgen kann man dann genussvoll der internetten Welt von dem Abstinenztag erzählen und sich als Hero feiern lassen. ;-)
Bildquelle:
istockphoto © Mikkel William Nielsen



5. August 2012 um 06:43 Uhr
Liebe Michaela,
unglaublich wie wir verbunden sind. Während Du schriebst lebte ich m.eine Diät ohne Entzugserscheinung ;-)
LG
MiSha
6. August 2012 um 07:11 Uhr
Hallo Misha!
Freu mich für dich über deine Diät, die ja eigentlich eine Genusszeit sein soll und sichtlich auch ist ;-)
… und das Tun ist ja ohnehin viel wichtiger, als das drüber schreiben.
Herzliche Grüße,
Michaela
5. August 2012 um 07:05 Uhr
Ich stelle mir das ungeheuer schwer vor, weil ich beruflich ca. 80% meiner Arbeitszeit vor dem Rechner verbringe und ich damit sicher nicht alleine bin. Da bleiben höchstens die Wochenenden. Aber genau das ist die Zeit, in der man mit Gelassenheit Sachen erledigen kann, die sonst liegen bleiben.
Ich versuche die Zeit mit meiner Familie bewusst zu verbringen, und lege mein Handy in dieser Zeit dorthin, wo es schwer zu erreichen ist. Das funktioniert meistens.
6. August 2012 um 07:16 Uhr
Wenn man PC-Worker ist, dann wirds schwierig mit der Social Media Abstinenz … ist so, als hätte man als Diätwilliger permanent die Schokolade vor der Nase.
Aber: gerade dann bringts mehr Produktivität – wenn man bewusst einen oder zwei Arbeits(!!!)tage sich nur auf die tatsächliche Bildschirmarbeit konzentriert und nicht nebenbei in Netzwerken agiert. Die Konzentration und der Output gewinnen sehr und die Netzwerke (und der eigene Auftritt dort) verkraften es. Berufliche Auftritte kann man (wenn es sich z.B. um Fanseiten auf FB handelt) vorfüttern (die Beiträge lassen sich seit einiger Zeit vorprogrammieren).
… einfach mal einen Tag (oder zu Beginn einen halben ;-) ausprobieren – nicht nur am Wochenende, sondern wirklich während der Arbeitszeit.
Einen Versuch ist es wert! … ich wünsch viel Glück und gutes Gelingen dazu.